17.04.2014, 11:00 Uhr. Leonie stieg aus dem Bus.
Ich bin ein Sonntagskind und deshalb gewährt mir der Schatzhauser drei Wünsche. Diesen Satz sagte sie sich immer wieder, während sie auf dem Weg zum Tannenbühl war. Ihre Großmutter hatte ihr von diesem Platz erzählt, wo die höchsten und ältesten Tannen des Schwarzwalds standen und der Geist, der als Schatzhauser bekannt war, Sonntagskindern drei Wünsche erfüllen würde.
Sie war skeptisch, ob der Plan funktionierte. Aber was hatte sie zu verlieren? Sie trat vor die höchste Tanne und rief mit fester Stimme:
„Schatzhauser im grünen Tannenwald,
Bist schon viel hundert Jahre alt.
Dir gehört all Land wo Tannen stehn,
Lässt dich nur Sonntagskindern sehn!“
Nichts geschah! Enttäuscht wollte sie die Lichtung verlassen, da hörte sie hinter sich eine Stimme: „Es ist schon lange her, dass mich jemand rief.“
Leonie drehte sich um. Vor ihr stand ein kleines Männchen, das einen spitzen, schwarzen Hut und eine rote Pluderhose trug. In der Hand hatte es eine lange Pfeife aus Glas.
„Dich gibt es wirklich?“, fragte Leonie erstaunt.
„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als du dir vorstellst. Was kann ich für Dich tun?
„Am Samstag ist das Casting zu Supermodel. Und ich will in die Show.“
„Etwas genauer bitte. Aber bedenke, dass ich dir den dritten Wunsch verweigern kann, wenn er töricht ist.“
„Ich will auf dem Catwalk so gut sein, wie Linda aus der letzten Staffel. Und ich wünsche mir das iPhone 6.“
„Seit Jahrhunderten wünschen sich die Menschen immer nur Erfolg, Geld und Besitz. Aber niemals hat sich jemand Verstand gewünscht.“
„Den kann ich mir ja als drittes wünschen“, sagte Leonie.
„Nein“, erwiderte der Schatzhauser. „Den dritten Wunsch hebst du dir für später auf. Das wird nötig sein.“ Im nächsten Augenblick war das Männchen verschwunden und vor ihr im Gras lag ein original verpacktes iPhone 6.
Leonie kam in die Show und galt schon bald als Favoritin. Sie war glücklich. Nichts schien ihren Siegeszug stoppen zu können, bis sie eines Tages folgende Meldung auf ihrem iPhone las:
Linda Hold gestürzt! Die Vorjahressiegerin von Supermodel, die immer für ihren Gang auf dem Catwalk gelobt wurde, stürzte bei einer Show in Berlin.
Leonie schenkte dieser Nachricht keine weitere Beachtung. Sie war zu sehr mit der nächsten Show beschäftigt, die heute Nachmittag aufgezeichnet werden sollte.
Zwei Stunden später stand sie am Rand und wartete auf ihren Auftritt. Als das Signal kam, betrat Leonie den Catwalk, der für diese Folge in einem Zelt auf dem Oktoberfest aufgebaut war. Sie konzentrierte sich nur auf den Weg und ignorierte die lärmenden Zuschauer. Wenn der Catwalk nur nicht so lang wäre.
Mit entschiedenem Schritt lief sie los. Die Menge applaudierte, doch kurz vor Ende des Ganges passierte das Unglück. Leonie stolperte und fiel hin.
Die Menge lachte und pfiff. Leonie bemerkte den Schmerz in ihrem Fuß nicht. Sie sah in die Gesichter der entsetzten Juroren und wusste, das war das Ende.
Es gelang ihr, aufzustehen und ihren Gang zu beenden. Erst in der Garderobe weinte sie los.
„Du warst gut, die Beste, die es je in dieser Sendung gab. Deshalb werde ich dir helfen, zu gewinnen, wenn es das ist, was du wirklich willst.“
Leonie sah auf und erkannte Mick, den neuen Juror der aktuellen Staffel.
„Mir kann niemand mehr helfen“, erwiderte sie niedergeschlagen.
Mick lachte und Leonie lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Der Schatzhauser ist nicht der Einzige, der Wünsche erfüllt“, sagte er. „Hat dir deine Großmutter nie vom Holländer Michel erzählt?“
Leonie dachte nach, aber sie konnte sich nicht entsinnen, diesen Namen je zuvor gehört zu haben. Aber so kurz vor dem Ziel würde sie nicht aufgeben.
„Hilf mir!“, bat sie ihn.
„Was hast du eben empfunden, als du hinfielst?“, fragte er. Hast du dir nicht gewünscht, dein Herz würde aufhören zu schlagen? Wenn du Erfolg haben willst, ist dir dein Herz nur im Weg. Gib es mir und du bekommst von mir ein Herz aus Stein und den Sieg.“
Leonie zögerte einen Moment. Aber sie musste gewinnen und so ging sie auf den Handel ein.
Wenig später wurde Leonie vor die Jury gerufen. „Leonie“, sagte eines der anderen Jurymitglieder. „Deinen Fauxpas hast du hervorragend gemeistert. Deshalb haben wir uns nach reiflicher Überlegung entschieden, dich weiterkommen zu lassen.“
Eigentlich sollte dies einer der glücklichsten Momente in Leonies Leben sein, doch sie empfand nichts.
In den nächsten Monaten ging es mit ihrer Karriere steil bergauf. Sie wurde Siegerin bei Supermodel und hatte Termine im ganzen Land. Aber ihr war alles gleichgültig.
Als sie wieder einmal wach in einem anonymen Hotelbett lag, klingelte ihr iPhone. Auf dem Display erkannte sie, dass es ihre beste Freundin Kira war.
„Hallo Kira“, antwortete sie gelangweilt.
„Leonie“, rief Kira weinend ins Telefon. „Mein Vater hatte einen Unfall.“
„Und ich habe morgen früh ein Fotoshooting.“
„Spinnst du?“, rief Kira entsetzt und legte auf.
Leonie machte das Licht aus und fiel in einen unruhigen Schlaf. Im Traum sah sie den Tannbühl. Der Schatzhauser saß auf einem Baumstumpf und rauchte seine Pfeife. „Verstand“, sagte er.
Leonie erwachte und wusste, was zu tun war. Eilig stand sie auf und packte ihre Sachen. Sie nahm ein Taxi zum Bahnhof und bestieg dort den ersten Zug Richtung Schwarzwald.
Ihr Weg führte sie zum Tannbühl. Sie ging zu der hohen Tanne und rief:
„Schatzhauser im grünen Tannenwald,
Bist schon viel hundert Jahre alt.
Dir gehört all Land wo Tannen stehn,
Lässt dich nur Sonntagskindern sehn!“
Diesmal erschien ihr der Schatzhauser schneller. „Es hat ja lange gedauert, bis ich von dir wieder höre“, sagte er.
„Schatzhauser, ich habe einen dummen Fehler gemacht.“
„Du bist nicht die erste, die auf den Holländer Michel reinfällt.“
„Kannst du mir mein Herz wieder geben?“
„Das steht nicht in meiner Macht.“
Leonie dachte lange nach, bevor sie den letzten Wunsch aussprach: „Ich wünsche mir, es ist wieder der 17. April 2014 und ich wäre nie zu dir gekommen.“
„Verstand“, sagte der Schatzhauser. „Endlich hast du ihn.“

2 Gedanken zu „Verstand“
  1. Eine moderne Version des bekannten Märchens „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff.
    Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Sie enthält in der Kürze viele Anregungen zum Nachdenken. Sind Erfolg und materielle Dinge wirklich so erstrebenswert, wenn das Herz auf der Strecke bleibt? Sind gute Freunde nicht wichtiger um glücklich zu sein? Was nützt alles Geld der Welt ohne Freunde und eine Heimat?

    Ich würde mich freuen, noch die eine oder andere Geschichte von dir hier zu lesen.

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