„Ein seltsames Erbe“, sagte Vater. „Aber von deiner Mutter sind wir ja einiges gewohnt.“
Während ihre Eltern noch weitere Details besprachen, verließ Lily das Wohnzimmer und lief durch Oma Adelheids Wohnung. Sie hatte ihre Großmutter geliebt und dachte an all die schönen Stunden, die sie hier verbracht hatte.
Vor dem Schlafzimmer blieb Lily stehen und trat ein. Auf der Nachtkommode lag eine Packung mit Malkreiden und auf dem Bett saß ein alter, abgewetzter Teddybär. Adelheid hatte ihn im Arm gehabt, als man sie vor fünf Tagen tot im Bett gefunden hatte. Lily sah in an und meinte, Tränen in seinen Augen zu sehen. Aber das musste wohl eine Sinnestäuschung sein.
Auf der Kommode sah Lily einen Briefumschlag, auf dem ihr Name stand. Sie öffnete ihn und begann zu lesen:

Liebste Lilly,
eigentlich bist du schon zu alt, um noch mit Kreiden und Teddys zu spielen und deshalb wirst du dich wundern, warum ich dir beides hinterlassen habe.

Lilys Gedanken schweiften ab. Sie dachte an einen Tag, als sie noch viel kleiner gewesen war. Damals wollte sie gerne mit den Kreiden malen, die immer irgendwo in der Wohnung lagen. Aber ihre Oma hatte es nicht erlaubt. Wenn sie darüber nachdachte, war dass das einzige, was Adelheid ihr je verwehrt hatte. Lily las weiter:

Vor langer Zeit, ich war damals ungefähr so alt wie du heute, schlenderte ich auf dem Nachhauseweg über den Spielplatz. Es war niemand da, aber aus dem Augenwinkel sah ich etwas aufblitzen. Ich ging zu der Stelle und fand eine Packung mit Malkreiden, von denen eine seltsame Kraft auszugehen schien. Ich nahm sie in die Hand und ging zu den Tischtennisplatten. Dort auf dem Betonboden öffnete ich die Packung und begann zu malen.
Nach einer Weile stand ich auf, um mich zu recken und mein Kunstwerk zu betrachten. Das Bild gefiel mir sehr gut, obwohl ich nie eine gute Malerin war. Und dann geschah etwas Unglaubliches. Eine der Kreiden erhob sich und schrieb: Hallo, wer bist du?
„Adelheid“, antwortete ich erstaunt „Wieso kannst du von selbst schreiben?“
Weißt du, welcher Tag heute ist?
Ich schaute ein wenig ratlos, aber die Kreide schrieb weiter.
Heute ist Samhain, der Tag vor Allerheiligen. An diesem Tag stehen die Tore zu anderen Welten offen und wir sind durch eins hindurchgefallen. Willst du unsere Welt sehen?
„Natürlich“, antwortete ich, ohne nachzudenken.
Dann komm.
Ich nahm die Kreiden und sah auf. In einem Baum hing eine Schaukel, bestehend aus einer schweren Kette und einem Autoreifen. Die hatte ich hier noch nie gesehen. Sollte das das Tor sein?
Ich ging auf den Reifen zu und steckte eine Hand hinein. Sie war auf der anderen Seite nicht zu sehen. Die Kreide hatte also die Wahrheit geschrieben. Hier war ein Tor in eine andere Welt. Was würde mich auf der anderen Seite erwarten?
Ich spürte eine Kraft, die mich in diesen Reifen zog. Dieser Kraft gab ich nach und befand mich kurz darauf in einer Welt, die so gar nicht meiner Vorstellung entsprach.
Die Welt, in die ich eintrat, war grau und schmutzig. Es sah aus, als sei ich auf einer riesigen Müllhalde gelandet.
„Wo bin ich hier?“
Die Packung Kreide sprang aus meiner Hand, eine schob sich heraus und schrieb: Das sind die Abfälle eurer Zivilisation. Alles, was ihr Menschen im Laufe der Jahrhunderte weggeschmissen habt, landet hier.
Ich sah mich genauer um. Hier gab es Töpfe, Spielzeuge, Knochen, aber auch große Dinge wie Kutschen oder Fahrräder.
Ich hörte ein Schluchzen hinter mir. Vorsichtig ging ich dorthin. Der Untergrund bestand hauptsächlich aus losem Material und ich musste aufpassen, nicht ins Rutschen zu geraten.
Als ich die Stelle erreichte, sah ich einen Teddybären. Sein trauriger Gesichtsausdruck rührte mich und ich nahm ihn in den Arm.
Das Schluchzen wurde leiser und der Teddy schien sich regelrecht an mich zu schmiegen. Auch ich fühlte mich in diesem Moment erleichtert. Er gab mir ein Gefühl von Wärme, das ich bei meinen Puppen nie gespürt hatte.
„Wer bist du?“, fragte ich den Bären, doch er antwortete nicht.
Stattdessen sah ich wieder etwas auf dem Boden glitzern. Die Kreiden waren mir gefolgt und ich konnte lesen: Er ist sehr verzweifelt, weil die Mutter seiner Besitzerin ihn weggeschmissen hat.
„Warum spricht er nicht selbst?“
Diese Fähigkeit ist nicht allen von uns gegeben.
Plötzlich war hinter uns ein lautes Scheppern und Poltern zu hören. Das Geräusch kam näher und machte mir Angst.
Das ist die Gabelgang“, schrieb die Kreide. Sie tyrannisieren uns alle hier.
Der Krach kam näher und ich konnte tatsächlich einen Haufen Gabeln sehen, die auf uns zukamen. Es gab Kuchengabeln, Fleischgabeln und Salatgabeln, Gabeln aus Silber, aus Plastik oder aus Holz. Gelegentlich brach eine aus der Reihe aus und stach einen der anderen Gegenstände. Dann hörte man einen Schrei oder ein Aufstöhnen. Teddy auf meinem Arm begann zu zittern und drängte sich noch näher an mich heran.
„Warum lasst ihr euch das gefallen?“
Wir haben Angst, antwortete die Kreide.
In der Zwischenzeit hatte die Gabelgang uns erreicht. Eine der Plastikgabeln zeigte auf Teddy und rief: „Sieh mal an, die Heulsuse. Hast du räudiges Vieh endlich jemanden gefunden, der sich deiner erbarmt?“
Eine ungeheure Wut überkam mich. Behutsam setzte ich Teddy ab. Dann griff ich mir die Gabel und sah sie drohend an. Die anderen Gabeln stachen auf mich ein, aber ich trug feste Schuhe, so dass sie mir nicht sonderlich wehtaten.
„Was bildest du dir ein?“, sagte ich zu der Plastikgabel in meiner Hand. Sie versuchte, sich herauszuwinden, aber ich hielt sie fest.
„Ich hasse Typen, die in großen Gruppen auftreten und sich dann so richtig stark fühlen. Ihr anderen seid doch viel mehr und einige von euch sind richtig groß. Du“, sagte ich zu einer Bodenvase. „Du kannst doch einige der Gabeln locker unter dir begraben.“ Das tat sie dann auch, indem sie sich umfallen ließ.
Die anderen Gabeln wirkten verunsichert, denn überall standen jetzt einzelne Gegenstände auf und kreisten sie ein. Niemand kümmerte sich mehr um die Plastikgabel in meiner Hand, als die anderen Hals über Kopf die Flucht antraten.
„Und du“, sagte ich zu ihr. „Bist du schon einmal geflogen?“ In hohem Bogen warf ich die Gabel weg, so weit ich konnte.
Die Sonne geht bald auf schrieb eine der Kreiden. Danach sind die Tore verschlossen.
Ich sah mich um. Die Sonne erschien bereits am Horizont. Der Reifen war wieder zu sehen, aber er wurde blasser. Bald würde er verschwunden sein. So schnell ich konnte lief ich dorthin und sprang hindurch.
Ich stand auf und war wieder auf dem Spielplatz, wo mein Abenteuer begonnen hatte. Bevor der Reifen endgültig verschwand, fiel noch etwas heraus. Es waren die Kreiden und der Teddy.
„Darf ich ihn behalten?“, fragte ich die Kreiden, aber es rührte sich nichts mehr. Der Zauber der Nacht war gebrochen.

Lilys Mutter betrat das Schlafzimmer. „Was liest du denn?“
„Einen Brief von Oma an mich“, sagte Lily und hielt den Teddy fest im Arm. „Sie möchte, dass ich mich um ihn kümmere.“ Mittlerweile hatte auch Vater das Zimmer betreten. „Dieses abgegriffene Ding?“, fragte er. „Das ist nicht euer Ernst.“
„Doch ist es“, sagte Lilys Mutter. „Meine Mutter hat den Teddy geliebt. Und wir sollten ihr diesen letzten Wunsch erfüllen.“

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