Sabrina starrte auf das leere Blatt Papier, das seit einer viertel Stunde unberührt auf dem Tisch lag. Dann sah sie ihren Verlobten Markus an und fragte: „Also, was sollen wir auf die Geschenkeliste schreiben?“
„Ich bin immer noch der Meinung, wir lassen uns Geld zur Hochzeit schenken.“
„Aber Tante Luise sagte schon, sie will uns kein Geld schenken. Das findet sie zu un­persönlich.“
„Wir haben einen komplett eingerichteten Haushalt“, antwortete Markus mit einem leicht genervten Unterton. „Warum sollen wir noch mehr in die Schränke stopfen?“
Sabrina sah sich um: „Und wenn wir etwas wegschmeißen?“
„Nur damit deine Tante Luise glücklich ist? Das ist doch Blödsinn!“ Markus sah auf die Uhr. „Lass uns später weiter reden. Ich bin noch verabredet.“
Sabrina fragte: „Wollt ihr wieder den Tempel ausrauben?“
„Nein. Wir wollen den blöden Werwolf platt machen. Der blockiert uns den Eingang zur Schatzhöhle.“
Sie beugte sich zu Markus hinüber und gab ihm einen Kuss. Dann sagte sie kopfschüt­telnd: „Du und dein Onlinerollenspiel. Viel Erfolg bei der Werwolfjagd.“
Sie stand auf und ging Richtung Küche: „Ich mache uns dann etwas zu essen.“
Als erstes inspizierte sie die Vorräte. Es waren noch Nudeln im Kühlschrank, dazu Pa­prika und Lauch. Daraus ließe sich ein Auflauf machen.
Um etwas Schwung in die Arbeit zu bringen, legte Sabrina noch eine CD auf. Mit Metal lief alles besser. Sie nahm ein Brett und ein Messer aus der Schublade und begann mit dem Gemüseschneiden.
Rumms! Irgendetwas war umgefallen. Aber was? Sabrina sah sich um. Alles stand noch. Ihr Blick fiel auf den Hängeschrank rechts neben ihr.
Wieso steht denn die Schranktür offen? dachte sie bei sich. Sie streckte die Hand aus, um die Tür zu schließen, aber dazu kam sie nicht mehr.
Auch die zweite Schranktür öffnete sich. Ein Glas fiel heraus. Und noch eins. Der Schrank schien ein wenig geneigt zu sein. Sie vernahm ein Geräusch, als würde jemand et­was schieben. Schon fielen weitere Gläser zu Boden und zerbrachen.
„Nein“, schrie Sabrina.
Noch konnte sie nicht begreifen, was gerade geschah. Sie wusste nur, es war nichts Gutes.
Sie wollte nach den Gläsern greifen, die Zerstörung aufhalten. Aber sie war wie ge­lähmt. Hilflos musste sie mit ansehen, wie der Schrank sich weiter neigte. Auch die Teller fielen heraus, dann die Tassen und schließlich die Schüsseln. Jedes einzelne Teil rutschte aus dem Schrank und zerbrach auf den Fliesen. Wieso konnte sie nichts tun? Die Zeit schi­en endlos lang zu sein, aber noch immer stand Sabrina da, wie gelähmt.
Zu dem Krach von zerbrechendem Porzellan gesellte sich nun noch das Splittern von brechendem Holz. Aus dem Augenwinkel sah sie zum Schrank. Er hatte sich noch weiter geneigt. Jetzt riss er ganz aus der Verankerung an der Wand und schlug mit lautem Getöse auf dem Boden auf.

Wie gebannt saß Markus vor dem Bildschirm. „Nimm das! Und das! Endlich haben wir dich.“
Er schob die Maus über den Bildschirm und klickte. Seine Spielfigur und trat vor den großen Felsen. Sie machte einige Gesten und der schwere Stein rollte zur Seite. Dabei ver­nahm Markus ein lautes Scheppern und Poltern.
„Man, das sind ja coole Soundeffekte“, sagte er in sein Headset.
Einer seiner Mitspieler fragte: „Welche Soundeffekte?“
Bevor Markus etwas erwidern konnte, hörte er einen lauten, panischen Schrei: „Nein!“
Das klang ganz wie Sabrina. Wollte sie nicht kochen? Markus sprang auf und rannte in die Küche. Dort erwartete ihn ein Bild des Grauens. Neben dem Herd stand Sabrina in ei­nem Haufen aus Porzellanscherben. Einer der Küchenschränke war aus der Verankerung an der Wand gerissen und lag zerbrochen vor ihr.
Eilig kam Markus ein paar Schritte näher. Aufgeregt fragte er: „Ist alles in Ordnung?“
„Nein“, schrie Sabrina „Das ganze Porzellan ist kaputt!“
„Scheiß auf das Porzellan! Wie geht es dir?“
Sabrina sagte nichts. Sie starrte ihn an, und einen Moment herrschte absolute Stille. Dann vernahm Markus ein Lachen. Erstaunt sah er zu seiner Freundin. Sie lachte laut und schrill und wollte gar nicht mehr aufhören.
„Was ist so lustig?“ fragte er erstaunt.
„Wir haben tagelang überlegt und in einer Minute hat sich geklärt, was wir auf die Ge­schenkeliste setzen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.