Lady Chatterley von D.H. Lawrence gilt als ein Klassiker der erotischen Literatur. Das Buch erschien in mehreren Auflagen. Die bekannteste ist die aus dem Jahr 1928. In England, der Heimat des Autors, war das Buch lange verboten wegen seines vulgären, pornografischen Inhalts. Erst in den sechzigern wurde es nach einem vielbeachteten Gerichtsprozess freigegeben.

Weil ich mich fragte, wie Erotik in den zwanziger Jahren aussah und weil ich auf Arte eine Dokumentation  über den Prozess und über die vermeintliche Sittenwidrigkeit des Romans sah, besorgte ich mir eine Ausgabe.

Zum Inhalt: die junge Constance Reid, genannt Conny, heiratet während des Ersten Weltkrieges Sir Clifford Chatterley. Er wird im Krieg verletzt und ist dadurch gelähmt und impotent. Während er erfolgreich Romane schreibt und pseudo-intellektuelle Reden schwingt, hat Conny mehr und mehr das Gefühl, auf Wragby Hall zu veröden. Als Pflegerin ihres Mannes ist sie seinen Launen ausgesetzt. Sie hat keinerlei Kontakte außerhalb Wragbys, dem Landsitz ihres Mannes. Auf Druck ihrer Schwester engagiert sie Mrs Bolton als Pflegerin für ihren Mann.

Von nun an verbringt Conny viel Zeit in der Natur, wo sie öfter auf Oliver Mellors, den Wildhüter ihres Mannes trifft. Mellors ist ein verbitterter Einzelgänger, der Conny seinen Unmut darüber spüren lässt, dass sie ihm immer wieder in die Quere kommt. Aber mit der Zeit entwickelt sich eine seltsame Beziehung zwischen den beiden, die geprägt ist von gegenseitiger Anziehung und gleichzeitiger Ablehnung. Conny, die durch die Impotenz ihres Mannes kein Sexualleben hat, fühlt sich durch seine Zärtlichkeiten als Frau bestätigt. Gleichzeitig stößt sie sein breiter Akzent immer wieder ab, der ihn als Angehörigen der Arbeiterschicht auszeichnet.

Mellors dagegen ist von Connys kindlicher Begeisterung für die Natur angetan, hat aber Angst vor zu viel emotionaler Nähe, weil er darin nur die Quelle neuen Unheils sieht.

 

Aus heutiger Sicht ist es für mich schwer nachzuvollziehen, warum das Buch als hocherotisch gilt. Der Sex zwischen den beiden wird auf ansprechende Art beschrieben, aber derartige Szenen sind wir heute gewohnt. Laut Wikipedia waren derartige Beschreibungen für die zwanziger Jahre aber obszön. Außerdem verstößt Conny mit ihrem Ehebruch gegen gesellschaftliche Konventionen. Das haben Anna Karenina, Mme Bovary und Effie Briest zwar auch getan, aber sie bezahlten dafür mit gesellschaftlicher Ächtung und ihrem Leben. Lady Chatterley erlebt nichts dergleichen. Ihr Mann vermutet einen Ehebruch seiner Frau, ist aber bereit, ein aus dieser Beziehung entstehendes Kind als seinen Erben zu akzeptieren. 

Für mich ist Lady Chatterley in erster Linie ein Gesellschaftsroman. Conny ist intellektuell sehr gebildet. Das verband sie mit Clifford, wobei sie später immer mehr erkennt, wie leer seine Intellektualität in Wirklichkeit ist und wie sehr sie seine ewig gleichen Reden langweilen. Durch ihre Spaziergänge und die Beziehung zu Mellors entdeckt sie die wahre Schönheit der Natur. 

Clifford und seine Freunde fühlen sich innerlich leer, als Angehörige einer verlorenen Generation. Dieses Lebensgefühl ist auf den Weltkrieg zurückzuführen, der die jungen Männer traumatisiert und desillusioniert zurückließ. Jetzt kommen sie im Frieden nicht zurecht und sind auf der Suche nach einem Lebennsinn, den sie aber nirgends finden.

Die Zwanziger waren auch geprägt von Arbeiterkämpfen. Die Arbeiter, die von ihren Bossen an den Fronten verheizt wurden, sind nicht bereit, sich auch in Fabriken und Gruben weiterhin klaglos verheizen zu lassen. Auch Clifford besitzt eine Grube. Er ist der Meinung, als Baronet einen natürlichen Führungsanspruch zu haben. Mrs Bolton ist eine Verehrerin der Oberschicht und bestärkt ihn mit ihrer unterwürfigen Art darin. 

Ich finde den Roman sehr lesenswert, weil er sehr viele Facetten hat. Lawrence kann lebendig erzählen und seine Figuren sind psychologisch sehr gut entwickelt. Auch gibt er das Lebensgefühl dieser Lost Generation sehr gut wieder.

Kennen Sie Lady Chatterley? Wie hat ihnen der Roman gefallen? Schreiben sie es mir gerne.

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