Ich bin Stefan, ein netter Kerl mit einem miesen Chef. Feen und Kobolde waren für mich immer nur Märchengestalten, genau wie Hexen und Wölfe, die Großmütter fressen. Aber neulich machte ich eine Bekanntschaft, die mich eines Besseren belehrte.
Es war ein stressiger Tag gewesen. Auf der Arbeit lief einiges schief und der Chef hatte wie immer nichts Besseres zu tun, als mir und meinen Kollegen die Schuld zu geben. Um 20:00 Uhr verließ ich erschöpft das Büro, froh dass nun Wochenende war. Am Hauptbahnhof die nächste Hiobsbotschaft: Mein Zug hatte eine Stunde Verspätung.
Um mir die Zeit zu vertreiben, lief ich an den Schaufenstern der Geschäfte entlang. Vor einem Spirituosengeschäft blieb ich lange stehen und dachte an meine spärlichen Alkoholvorräte zu Hause. Ich betrat den Laden, um mir etwas Gutes zu gönnen.
Neben verschiedenen Whiskysorten und Obstbränden standen auch einige Flaschen Absinth im Regal. Die grelle Farbe faszinierte mich und ich wurde neugierig auf das legendäre Getränk, dem so viele Künstler des 19. Jahrhunderts verfallen waren.
Zu Hause hatte ich mir ein Gläschen genehmigt, so wie der Verkäufer es mir erklärt hatte. Man gibt etwa 2 cl Absinth und einen Würfel Zucker in ein Glas und rührt so lange, bis sich beides vermischt. Anschließend füllt man das Glas mit Wasser auf. Diese Mischung aus Süße, Bitterkeit und einer leichten Schärfe im Abgang war köstlich und so genehmigte ich mir noch ein Glas und noch eins und noch eins. Um mich herum drehte sich alles. Ich legte mich hin und schloss die Augen. Dabei muss ich wohl eingeschlafen sein. Ich erwachte wieder, als mich etwas am Kopf traf.
Erschrocken öffnete ich die Augen einen Spalt und sah mich um. Vor mir standen ein Glas und eine Flasche mit einer grell grünen Flüssigkeit. Seltsamerweise war die Flasche fast so groß wie ich. Verwirrt rieb ich mir die Augen und sah dabei auf meinen Arm. Er steckte in einem grünen Ärmel.
Seltsam, dachte ich und sah an mir herab, mein Pulli ist doch blau. Jetzt trug ich eine grüne Jacke und eine grüne Kniebundhose. Dazu ein weißes Hemd, weiße Strümpfe und schwarze Schuhe mit Schnallen. Ich sah auch einige rote Haarsträhnen, und um mich herum lagen weiße Kugeln, etwas so groß wie Tennisbälle.
Der Absinth hat es aber in sich, dachte ich, als ich von einer weiteren Kugel getroffen wurde.
Erst jetzt bemerkte ich die junge Frau, die anmutig auf dem Rand des Glases saß. Sie trug ein kurzes, grünes Kleid, das nur wenig ihres schlanken Körpers bedeckte. Die Farbe Grün dominierte hier eindeutig.
In ihrer Hand hielt sie eine dieser weißen Kugeln.
„Wer bist du?“, fragte ich.
„Die grüne Fee“, sagte sie kurz angebunden.
„Was ist mit mir passiert?“, fragte ich die Frau, Fee oder was auch immer. Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht.
„Ich bin die grüne Fee“, antwortete sie wieder, nun amüsiert. „Und du bist ein Kobold.“
„Das sagtest du bereits“, erwiderte ich wütend. Dann drang der zweite Teil ihres Satzes in mein Bewusstsein. „Was bin ich?“
Nach einigen Augenblicken schwang sie sich mit ihren Flügeln die mir erst jetzt auffielen, in die Luft und flog eine Runde um die Flasche, bevor sie wieder auf dem Glas landet
„Hast du wirklich noch nie von der grünen Fee gehört?“,
„Nein“, antwortete ich. „Und warum bewirfst du mich mit diesen weißen Tennisbällen?“
„Das ist Zucker“, sagte sie. „Du und deinesgleichen habt uns Feen schon so oft Streiche gespielt, dass ich nun den Spieß umdrehe.“
„Wenn ihr euch alle so verhaltet, ist das auch kein Wunder. Verdammt, ich bin kein Kobold.“
Ihre Stimme klang nun etwas sanfter, als sie fragte: „Du hast wirklich keine Ahnung oder?“
„Nein!“
„Ich bin der Absinth, besser gesagt der Geist des Absinths.“
„Du begegnest also jedem, der Absinth trinkt?“, fragte ich ungläubig. „Ändert jeder seine Gestalt?“
„Die Meisten. Edgar Allen Poe wurde zu einem Raben, Oscar Wilde zu seinem eigenen Gemälde und Arthur Rimbaud zu einer Feder. Einige werden zu Autos, andere zu einem Kaktus oder einer Katze. Alles ist möglich, aber ein Kobold ist der absolute Tiefpunkt.“
„Hey! Ich bin ein netter Kerl.“
„Mag sein, aber ich bin es leid. Die Künstler der Pariser Bohème bekamen außer Prostituierten nicht viele Frauen zu Gesicht. Deshalb war Absinth so begehrt. Die Kerle haben sich einem Rausch hingegeben und ich habe ihnen die herrlichsten Fantasien beschert. Richtig geschuftet habe ich, damit Toulouse-Lautrec oder Gauguin ihre Bilder malen konnten. Aber keiner hat sich jemals bedankt oder mich als seine Muse erwähnt.“
Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Aber ihr Schmerz rührte mich. Wieso hat nur Absinth einen Geist, fragte ich mich. Mir war noch nie ein Geist begegnet, selbst beim Himbeergeist nicht. Aber es muss doch einen Grund haben, warum die starken Sachen als geistige Getränke bezeichnet werden.
„Hast du auch mal andere Alkoholgeister getroffen?“, fragte ich sie.
„Ja. Der Rumgeist ist ein Pirat und der Wodkageist sieht aus wie ein Kosak.“
„Die habe ich aber noch nie gesehen, obwohl ich schon sehr viel von beidem getrunken habe. Kann es sein, dass die sich einfach nicht zeigen? Hast du das auch mal probiert?“
„Auf die Idee bin ich noch nie gekommen. Aber ein Versuch wäre es wert.“ Sie klang wieder fröhlicher und flatterte aufgeregt von ihrem Glas herunter. Sie kam auf mich zu und umarmte mich.
„Danke“, flüsterte sie in mein Ohr.
Ich schloss meine Arme um sie. Trotz ihres ätherischen Aussehens fühlte ihr Körper sich fest und warm an.
Meine Beine wurden länger. Zumindest fühlte es sich so an, als würden meine Knochen auseinandergezogen.
„Was passiert mit mir?“ Ich sah in ihre Augen und entdeckte Traurigkeit.
„Die Wirkung des Alkohols lässt nach. Sobald du wieder nüchtern bist, ist alles vorbei.“
„Und wenn ich wieder trinke?“
„Dann wirst du wieder ein Kobold.“
„Ich kenne Kobolde nur als Plagegeister, die unsichtbar sind und Streiche spielen. Können sie noch was anderes? Können sie auch fliegen?“
„Nur wenn sie verliebt sind.“
„Würdest du dich mir wieder zeigen?“
„Ja“, sagte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Ich fühlte mich leicht und hob ein winziges Stück vom Boden ab.

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